Diözesantag der charismatischen Erneuerung
der Bistümer Münster und Osnabrück 21. November 2015

Impuls: Glauben wir an Wachstum?

Pfr. Josef Fleddermann


Einführung

Wenn wir die Zahlen der Kirchenaustritte betrachten, oder die sinkende Besucherzahl der Gottesdienste, dann könnten wir in der Kirche durchaus in die Krise geraten. Da hilft dann auch nicht der Verweis auf die evangelische Kirche, die ja noch schlechter dran ist als wir.

Auch wenn wir die Zahlen der CE in unseren Bistümern betrachten, könnten wir ein mulmiges Gefühl bekommen. Da gibt es Gebetskreise, die mehr und mehr veralten. Da verschwinden Leute von unseren Adresslisten nicht nur deshalb, weil sie sterben, sondern sich auch verabschiedet haben.

Wir könnten versucht sein zu denken, alles ist vergeblich, wofür setzen wir uns eigentlich noch ein?

Ich möchte dieser Resignation widerstehen und die Frage aufwerfen:
Glauben wir an Wachstum?
Und ich möchte Gründe dafür ansprechen, warum wir daran glauben dürfen.

In den sogenannten Wachstumsgleichnissen bei Markus finden wir einen sehr interessanten Abschnitt (4,26-29):
"Jesus sagte: Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mann Samen auf seinen Acker sät; dann schläft er und steht wieder auf, es wird Nacht und wird Tag, der Samen keimt und wächst, und der Mann weiß nicht wie. Die Erde bringt von selbst ihre Frucht, zuerst den Halm, dann die Ähre. Sobald aber die Frucht reif ist, legt er die Sichel an; denn die Zeit der Ernte ist da."

Ich möchte denselben Text noch einmal in der Übersetzung "Hoffnung für alle" vortragen. Dort lesen wir:
Jesus erklärte weiter: ‚Die neue Welt Gottes kann man vergleichen mit einem Bauern und der Saat, die er auf sein Feld sät. Nach der Arbeit geht er nach Hause, schläft, steht wieder auf, und das tagaus, tagein. Im Laufe der Zeit wächst die Saat ohne sein Zutun heran. Denn die Erde lässt die Frucht aufgehen und wachsen. Zuerst kommt der Halm, dann die Ähre und endlich als Frucht die Körner. Wenn aus der Saat das reife Getreide geworden ist, lässt der Bauer es abmähen, denn die Erntezeit ist da.'"

Was mich bei diesem Text anspricht sind folgende Dinge:

1. Die Aufgabe des Bauern besteht darin zu säen.
2. Die Saat wächst ohne sein Zutun.
3. Wachstum braucht Geduld; es gibt Wachstumsschritte.
4. Die Zeit der Ernte ist da.

1. Die Hauptaufgabe des Bauern ist es zu säen

Und ich glaube, dass das auch unsere Hauptaufgabe ist. Wir sind berufen, das Wort Gottes zu verkünden durch unserer Leben, durch Worte und durch Taten. Von Christus zu sprechen, von der Liebe des himmlischen Vaters und vom Wirken des Heiligen Geistes auch in unserer Zeit, das ist unsere Berufung. Papst Franziskus hat die Charismatische Erneuerung darin ermutigt. Auf den Priesterexerzitien in Rom, an denen ich teilnehmen durfte, hat er die Priester ausdrücklich dazu aufgerufen das Mittel der "Leben im Geist Seminare" für diesen Dienst einzusetzen, sowie die Menschen mit der Taufe im Heiligen Geist bekannt zu machen. Es ist ein Dienst des Aussäens der frohen Botschaft. Das haben wir alle miteinander gemein, egal ob Priester oder Laie, Mann oder Frau; jede und jeder von uns dort, wo Gott ihn hinstellt.

In seinem Schreiben Evangelium gaudium (Die Freude des Evangeliums) schreibt Papst Franziskus: Die Freude "hat immer die Dynamik des Aufbruchs und der Gabe, des Herausgehens aus sich selbst, des Unterwegsseins und des immer neuen und immer weiteren Aussäens. Der Herr sagt: " Lasst uns anderswohin gehen, in die benachbarten Dörfer, damit ich auch dort predige; denn dazu bin ich gekommen! " (Mk 1,38). Wenn der Same an einem Ort ausgesät ist, hält Jesus sich dort nicht mehr auf, um etwas besser zu erklären oder um weitere Zeichen zu wirken, sondern der Geist führt ihn, zu anderen Dörfern aufzubrechen. Das Wort Gottes trägt in sich Anlagen, die wir nicht voraussehen können. Das Evangelium spricht von einem Samen, der, wenn er einmal ausgesät ist, von sich aus wächst, auch wenn der Bauer schläft (vgl. Mk 4,26-29). Die Kirche muss diese unfassbare Freiheit des Wortes akzeptieren, das auf seine Weise und in sehr verschiedenen Formen wirksam ist, die gewöhnlich unsere Prognosen übertreffen und unsere Schablonen sprengen." (Vgl. EG Nr. 21 und 22)

Das Aussäen beinhaltet also die Frage, wo sollen wir aussäen? Welches "Feld" gibt uns der Herr zu bestellen? Wo sind brache Ackerfelder, die nur darauf warten, dass der Same des Wortes Gottes, der Same der Frohen Botschaft in sie hinein gesät wird?

Eine sich selbst genügende Kirche, eine Besitzstands wahrende Kirche wird keine Frucht hervorbringen. Ein Gebetskreis, der sich selbst genügt, wird keine Frucht bringen. Wenn für mich die Kirchengemeinde oder eine bestimmte Gruppe oder auch ein Gebetskreis oder CE nur der Wohlfühlort meines Lebens ist, der nicht mehr beweglich und offen bleibt, wird es kein Wachstum geben.

Sicherlich: ein Gebetskreis, ein CE Treffen hat auch den Aspekt der Sammlung. Und dieser Sammlung bedarf es! Es bedarf des sich gegenseitig Stärkens und Ermutigens. Es bedarf des Gebetes füreinander, die wir schon auf dem Weg mit Jesus und seinem Heiligen Geist sind. Es bedarf des gemeinsamen Lobpreises, wo wir Gott die Ehre geben, ihn in den Mittelpunkt stellen um seiner selbst willen. All das ist richtig, wichtig und notwendig!

Aber es bedarf auch der Frage, welche sende hat ein Gebetskreis, bzw. welche Sendung oder Berufung ruht auf mir? Wo bin ich gerufen, gewissermaßen als Sämann oder auch Frau für den Herrn zu gehen. Bleiben wir in einer Dynamik?

Und dabei ist Dynamik nicht nur etwas für junge Menschen. Es geht um die innere Dynamik des sich immer wieder neu rufen und senden lassen im Dienst für das Reich Gottes, für diese "neue Welt", von der Jesus spricht. So können z.B. ältere Menschen, die nicht mehr so beweglich sind, durchaus durch den Dienst konkreter Fürbitte gewissermaßen um "Regen und Segen" für das Ackerfeld ihren Beistand leisten. Oder aber auch als konkrete Fürbitter/innen für die anderen, die den Auftrag der Evangelisation sozusagen "vor Ort" leben.

Wachsamkeit und Offenheit für die Führung des Herrn ist gefragt. Ich wünsche mir das für mich, für uns, für die CE und die Kirche.
Also, noch einmal die Frage: Wo ist das Ackerfeld, das darauf wartet von mir, von uns mit der Saat des Evangeliums besät zu werden?

Kleine Randbemerkung: Es geht hier nicht um einen Aktionismus oder um die hektische Suche nach diesen "Feldern". Es geht auch nicht um die Anklage: Was wir bisher gemacht haben oder auch jetzt gerade tun, ist falsch.

2. Die Saat wächst ohne sein Zutun

Ja, werden wir einwenden, wir müssen doch etwas tun. Das geht doch nicht von selbst. Wir sind ungeduldig und sehnen uns alle nach einer erfolgreichen Ernte. Und wenn etwas geglückt ist, wenn vermeintlicher Erfolg da ist, freuen wir uns - das dürfen wir - und manchmal erliegen wir der Versuchung zu glauben, wir haben das gemacht.
Im ersten Korintherbrief schreibt der Apostel Paulus an die griechische Gemeinde, in der die Charismen blühten, aber zugleich auch viele Streitigkeiten waren. Auch wenn ich die so unter uns nicht sehe, ist das Wort des Apostels auch im Hinblick auf unsere Frage des Wachstums durchaus von Belang. Paulus schreibt: "Was ist denn Apollos? Und was ist Paulus? Ihr seid durch sie zum Glauben gekommen. Sie sind also Diener, jeder, wie der Herr es ihm gegeben hat: Ich habe gepflanzt, Apollos hat begossen, Gott aber ließ wachsen. So ist weder der etwas, der pflanzt, noch der, der begießt, sondern nur Gott, der wachsen lässt. Wer pflanzt und wer begießt: Beide arbeiten am gleichen Werk, jeder aber erhält seinen besonderen Lohn, je nach der Mühe, die er aufgewendet hat. Denn wir sind Gottes Mitarbeiter; ihr seid Gottes Ackerfeld, Gottes Bau. Der Gnade Gottes entsprechend, die mir geschenkt wurde, habe ich wie ein guter Baumeister den Grund gelegt; ein anderer baut darauf weiter. Aber jeder soll darauf achten, wie er weiterbaut. Denn einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist: Jesus Christus." (1 Kor 3,4-11)

Es mag für den Sämann fasst langweilig sein, diese Wartezeit, diese Prüfung der Geduld. Was wird aus meiner Arbeit? Wird sie erfolgreich sein? Wird der Same aufgehen? "Nach der Arbeit geht er nach Hause, schläft, steht wieder auf, und das tagaus, tagein." (Mk 4,27a) Immer dasselbe in diesen Tagen. Er hat keinen Einfluss mehr auf das Wachstum. Er kann es nicht regnen lassen. Er kann die Sonne nicht scheinen lassen. Er ist gewissermaßen machtlos. Er muss alles los-lassen in die Hände dessen, der es wachsen lässt. In die Hände Gottes, des Schöpfers.

Auch wenn diese Haltung uns manchmal zu schwer zu sein scheint, ist sie doch sehr entlastend. "Du bist nicht dafür verantwortlich, dass etwas wächst. Du bist verantwortlich für die Aussaat."

3. Wachstum braucht Geduld; es gibt Wachstumsschritte.

Ein weiter wichtiger Aspekt ist es, der Wirklichkeit Rechnung zu tragen, dass es Wachstumsschritte gibt im Glauben. Dass nicht alles auf einmal fertig ist. Gut, es gibt sicherlich Pflanzen, die schneller wachsen. Es gibt Pflanzen, die man sogar mehrmals ernten kann. Aber es gibt eben immer ein Wachstum, eine Zeit der Entwicklung des Reifens. Und eine Frucht, die zu früh geerntet wurde, schmeckt nicht. Also auch hier gilt es geduldig zu bleiben und die Zeit der Ernte abzuwarten.
Wenn der Halm aus der Erde sprießt, können wir nicht daran ziehen, damit das Getreide schneller wächst. Gott hat seine Zeit. Und seine Zeitrechnung entspricht oftmals nicht der unsrigen.

4. Die Zeit der Ernte ist da.

Zur Erntezeit muss der Sämann, der Bauer wieder aktiv werden. Er legt die Sichel an. Das volle Feld wird geleert. Oder er lässt andere ernten bzw. braucht Erntehelfer. Da wo sich Früchte hervortun, müssen sie gesammelt werden. Man darf sie nicht einfach liegen lassen. Die Früchte werden verarbeitet, vielleicht zu Saft, zu Wein, zu Brot. Dafür braucht es viele fleißige Mitarbeiter/innen. Oder die reiche Frucht des Getreides wird z.T. verarbeitet, übrige Körner werden wieder ausgestreut, damit sie neue Frucht bringen. Es muss also auf jeden Fall etwas geschehen mit der Ernte.

Auch wir dürfen - Gott sei Dank - manchmal erfahren, dass ausgesäte Saat aufgeht, dass Menschen ganz neu zum Glauben finden, dass sie hineinfinden in eine persönliche Beziehung zu Christus, zum himmlischen Vater und zum Heiligen Geist, dass sich ihr Leben verwandelt. Danken wir Gott dafür von ganzem Herzen, denn es ist ein großes Geschenk, das auch sehen zu dürfen.

Dann gilt es die Ernte zu "verwerten". Und da es sich dabei um Menschen handelt, denen Gott Freiheit geschenkt hat, gilt es, mit ihnen zu suchen nach der weiteren Führung des Geistes. Orte, Oasen zu schaffen, in denen diese Beziehung wachsen kann im weiteren Hören auf das Wort Gottes, im Gebet, in der Gemeinschaft, in Werken der Liebe. Wo können wir das einbringen, was wir geerntet haben, damit die Ernte nicht verfault, sondern genossen werden kann?

Wachstum gibt es nur durch Zellteilung, durch Hingabe, durch ein sich öffnen. "Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein. Wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht." (Joh 12,24) Wo müssen unsere eigenen Vorstellungen sterben, damit es neues Leben geben kann?

Ausblick

Glauben wir an Wachstum? Ich glaube an Wachstum, denn der Geist Gottes ist unerschöpflich. Ich glaube an Wachstum, wenn wir uns in den Strom seiner Gnade stellen, wenn wir ihn handeln lassen in uns.
Ich glaube an ein Wachstum zunächst innerer Natur. An ein Wachstum in den Herzen der Menschen, die Christus und seinen Heiligen Geist, die die Liebe des Vaters mehr und mehr kennenlernen und sich von ihr mehr und mehr prägen lassen.
Ich glaube an ein Wachstum, wo Menschen miteinander den Glauben leben, feiern und verkünden und die Freude des Evangeliums aus den Poren ihres Daseins hervorquillt als eine echte, tiefe Freude des geliebt seins.
Ich glaube an ein Wachstum äußerer Natur, an eine Vermehrung - allem Anschein zum Trotz. Denn "das Wort Gottes ist nicht gefesselt." (2 Tim 2,9) Die Heilsbotschaft Gottes erreicht auch heute die Herzen der Menschen, die sich dafür öffnen. Christus ist attraktiv, anziehend. Das ist seine Natur. "Wenn ich von der Erde erhöht bin, werde ich alle an mich ziehen." (Joh 12,32)

Nicht wir müssen die CE retten. Nicht wir müssen die Kirche retten. Nicht wir müssen die Welt retten.